Je nach Fahrtrichtung war Reistingen einst der erste bzw. letzte Halt der Härtsfeldbahn in Bayern: ein Bahnsteig mitten in den Wiesen, ausgestattet anfangs nur mit einem alten Schäferkarren, später dann mit einer kleinen Unterstandshütte. Heutzutage befindet sich auf der Eisenbahntrasse ein beliebter Rad- und Wanderweg. Seit September 2021 lädt hier ein Rastplatz die Ausflügler zu einer kleinen Pause ein. 

Zwischen Ballmertshofen und Ziertheim stellt der frühere Haltepunkt Reistingen heute wieder einen willkommenen Platz zum Halten und Rasten dar

Der Rastplatz ist dem Obst- und Gartenbauverein Ziertheim zu verdanken. Im Rahmen des Projekts Regionalbudget konnten eine Liege und eine Sitzgarnitur beschafft und aufgestellt werden. Außerdem wurden drei Linden und viele Sträucher gepflanzt, Kalksteine aufgestellt und Blumen ausgesät, so dass hier eine kleine grüne Insel mitten in den Feldern entstanden ist. Dazu informiert über den einstigen Härtsfeldbahn-Halt eine Thementafel, die in Zusammenarbeit mit dem Härtsfeld-Museumsbahn e.V. entstanden ist. 

An Christi Himmelfahrt, dem 26. Mai 2022 fand im Rahmen einer kleinen Feier die Segnung des Rastplatzes statt. Vorsitzender Martin Fuchsluger schilderte das Projekt. Neben dem Fördergeld haben die Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins 340 Stunden ehrenamtliche Arbeit und einen vierstelligen Betrag investiert. Danach fand Pfarrer Monsignore Josef Philipp sehr lobende Worte über die umgesetzte Idee und segnete den Rastplatz. Auch Bürgermeister Thomas Baumann lobte die Initiative sehr, denn der Rastplatz wirke sich sehr positiv auf die Lebensqualität vor Ort aus.  Natürlich gehörten zu der Segnungs-Feier das gemeinsame Singen und eine Andacht. 

Gutkatholisch: Monsignore Joseph Philipp bei der Segnung. 

Auch auf die Härtsfeldbahn ging Monsignore Josef Philipp mit einer Anekdote ein: ihm sei vor langen Jahren zugetragen worden, dass ein paar Hütebuben der Reistinger Bauern die nach Ballmertshofen führenden Schienen mit einer Schweineschwarte eingerieben hätten. Das war wohl erfolgreich, denn als der nächste Zug aus Dillingen in Richtung Neresheim kam, drehten die Räder der Lokomotive auf dem leicht bergan führenden Gleis durch. Der Zug musste zurücksetzen und mit Anlauf die glatte Stelle überwinden. Zwischenzeitlich hatte der Lokführer die lauernden Lausbuben entdeckt. Mit einer gereckten Faust aus der Lok in Richtung der Buben soll der Zug dahingefahren sein. 

Mit dem gemeinsamen Singen von Patrona Bavariae – schließlich ist man noch in Bayern – wurde der offizielle Teil der Segnungsfeier abgeschlossen und man ging zum gemütlichen Teil über. 

Hier der offizielle Akt vor dem gemütlichen Teil: Ansprache, Andacht, Singen und dann: Innehalten, Sonne, Sitzgruppe, Liege ... sehr einladend!

Einen Besuch der Härtsfeld-Museumsbahn kann man nun mit einer abwechslungsreichen Wanderung zu Fuß oder mit dem Rad auf den Spuren der Härtsfeldbahn ergänzen. Von der Station Katzenstein am Härtsfeldsee zum Rastplatz sind es etwa 7,5 Kilometer. Die erste Thementafel findet man direkt neben dem kleinen Bahnhofsgebäude von Katzenstein. Vom See folgt man am besten der Egau auf der östlichen Uferseite bis Dischingen. Am Ortsrand geht es ein paar Meter hinauf zum ehemaligen Bahnhof Dischingen, über den ebenfalls eine Thementafel informiert. Hinter dem Bahnhof findet man die ehemalige Härtsfeldbahn-Trasse, der man am besten folgt. Von der ehemaligen Station Guldesmühle ist heute nichts mehr zu sehen. Rasch erreicht man auf dem Trassen-Rad- und Wanderweg durch die Wiesen an der Rappenmühle vorbei Ballmertshofen. Dort sind das Bahnhofsgebäude und gegenüber die ehemalige Bahnhofsgaststätte (heute „the railway tavern“) nicht zu übersehen. Wenige hundert Meter danach ist man schon in Reistingen. Bei einer genüsslichen Rast kann man seinen Blick in die Ferne schweifen lassen. Neben Ballmertshofen sind die Orte Ziertheim, Reistingen und Trugenhofen zu sehen. Mit etwas Glück kann man den Störchen zuschauen, die in den Wiesen nach Nahrung suchen.

Wer sich noch weiter auf die Suche nach Spuren der Härtsfeldbahn begeben will, findet in Ziertheim eine weitere Thementafel. In Wittislingen steht die Sporthalle auf der einstigen Bahntrasse und auf dem Bahnhofsgelände parken heute die Lehrer. Kurz vor Zöschlingsweiler verliert sich die Spur der Bahn. Auf dem Weg nach Lauingen kann man den Streckenverlauf anhand einer langen Baumreihe erahnen. Erst am Bahnhof Dillingen finden sich mit dem einstigen Wasserturm mit angebautem Warteraum und einer Unterführung noch Spuren der Härtsfeldbahn.

Eine reizvolle und aussichtsreiche Alternative für den Rückweg vom neuen Halt Reistingen zum Härtsfeldsee ist der Weg über Trugenhofen, wo man am Englischen Garten des Schlosses Taxis auf einen Albvereinsweg trifft, dem man vorbei an Tümpeln nach Schrezheim folgt. Man kann von hier oder vom nahen Wald direkt hinab zum Härtsfeld-See gelangen, oder man nimmt noch den kleinen Umweg über Katzenstein in Kauf.

Wollen wir hoffen, dass der neue Halt Reistingen gut angenommen und nicht beschädigt wird, so dass sich möglichst viele Menschen daran erfreuen können.

Text und Fotos: Jürgen Ranger