"JUMBO" - Zeitzeuge der Härtsfeldbahn als Teststrecke von Fahrzeugen für den Export

Die einzige Diesellokomotive in der Sammlung der Härtsfeld-Museumsbahn markiert den Beginn einer interessanten Phase der Geschichte der alten Härtsfeldbahn: das Testfahrtenprogramm der 50er und 60er Jahre. Um Schienenfahrzeuge für den Export ins Ausland vor der Auslieferung unter realen Bedingungen ausgiebig testen zu können, kamen insgesamt sieben mal Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller auf die Härtsfeldbahn, da diese mit ihren unterschiedlichen Streckenabschnitten - dem Albaufstieg mit bis zu 29 Promille und Bogenradien von bis zu 80 m von Aalen nach Ebnat, der Albfläche bis Ballmertshofen und dem anschließenden flachen Donauried mit langen Geraden bis Dillingen - ein nahezu ideales Terrain bot, um unterschiedliche Anforderungen an die Fahrzeuge austesten zu können.

Testfahrt talwärts mit Brünigwagen, Packwagen und einem aufgebockten O-Wagen auf dem Viadukt bei Unterkochen. (Werbefoto Fa. Jung, Jungenthal, Archiv HMB)

Übers Härtsfeld nach Finnland, in die Zentralschweiz und wieder zurück

Ursprünglich für den Export nach Brasilien zur E.F.L. Estrada de Ferro Leopoldina, Rio de Janeiro, bestimmt, kam die von der Jungenthaler Lokomotivfabrik Jung angefertigte Gelenk-Diesellokomotive vom 15. Mai 1954 an für zwei Wochen zu Testfahrten auf die Härtsfeldbahn. Den Weg auf den südamerikanischen Kontinent fand die Lok dann jedoch nie, hingegen verschlug es sie dann zunächst in nördliche Gefilde zur Werkbahn Virkkala der Lojo Kalkwerk AB, Virkby, als Lok 4. Nach ihrem ursprünglichen rotbräunlichen Farbkleid war sie dort kakadufarben in gelb und grün bis zur Stilllegung 1970 unterwegs. An ihren Formen änderte sich jedoch erst mit dem Wechsel 1972 zur Luzern-Stans-Engelberg-Bahn (LSE) in die Schweiz etwas: Wie auf dem obenstehenden Foto erkennbar, wies die Lok ursprünglich Frontaufstiege sowie zwei assymetrisch aufgeteilte Führerstandsfenster über die gesamte Führerhausbreite auf, dafür endeten die Auspuffrohre noch unter dem Umlauf.  Die LSE veränderte die Lok für ihre Bedürfnisse auf das heutige Aussehen mit Auspuffanlagen an den Enden der Vorbauten direkt am Führerstand, zudem mit seitlichen Aufstiegen an den Fronten, Ausrüstung mit automatischen GF-Kupplungen sowie weiteren Anpassungen der Elektro- und Bremstechnik wie auch im Führerstand. Mit dem Spitznamen "JUMBO" versehen kam die offiziell als Gm 4/4 111 bezeichnete Maschine nach Abnahme durch das Bundesamt für Verkehr 1974 auf der LSE im Güter- und Bauzugdienst zum Einsatz, hatte aber nach der letzten großen Hauptuntersuchung 1991 immer weniger zu tun und verzeichnet in den letzten Einsatzjahren bis 2005 nur noch niedrige dreistellige Laufleistungen. Bei der Abschiedsfahrt am 10.07.2005 kam es wegen eines gerissenen Schlauchs zu Kühlwassermangel und dadurch zu Zylinderschäden an einem Motor, so dass die Lok nicht mehr aus eigener Kraft ins Depot Stansstad zurückkehren konnte. In diesem Zustand konnten wir die Lokomotive übernehmen. Ein Vereinsmitglied konnte die Firma Voith aus Heidenheim als Sponsor für den Transport der Maschine als Museumslokomotive nach Neresheim gewinnen, da die Lok über zwei Getriebe Typ L33yu von Voith verfügt.

Verladung des "JUMBO" am 21.09.2005 in Stansstad. (Foto: Jürgen Ranger, Archiv HMB)

Das Härtsfelder Museumskrokodil

Die Aufarbeitung der Maschine begann unmittelbar nach ihrer Ankunft, um vor allem den defekten Motor wieder funktionstüchtig zu bekommen. In der Folge ging es dann um eine grundlegende Sanierung und Anpassung an die Bedürfnisse auf dem Härtsfeld, wobei ein Großteil der Arbeiten im Jahr 2008 auch als Ausbildungsprojekt der Heidenheimer Voith-Lehrwerkstatt stattfand. In Anlehnung an ihre finnische Betriebsnummer erhielt die Lok die Betriebsnummer D4.

Als Krokodil werden typischerweise Lokomotiven mit einem zweiteiligen gelenkig-kurzgekuppeltem Fahrwerk und mittelhohen Vorbauten genannt, auf dem mittig das Führerhaus, bei Elektroloks noch inklusive Maschinenraum mit elektrischer Ausrüstung, montiert ist. Der Begriff wurde ursprünglich vom Modellbahnhersteller Märklin aus Göppingen für das Modell der Schweizer Güterzugellok Ce 6/8'' und Ce 6/8''' verwendet, die auch grün lackiert war. Der Begriff wurde aber ab den 70er Jahren auch verstärkt für andere Lokomotiven mit mehr oder weniger langen mittelhohen Vorbauten und auch mit nur Einrahmenfahrwerk verwendet. (Quelle: Wikipedia)

Noch weitestgehend im schweizer Zustand, jedoch schon mit Härtsfeld-Mittelpuffer ausgerüstet und testweise auf der Neresheimer Seite neu lackiert, rangiert der "JUMBO" im November 2006 in Neresheim (Foto: Hannes Ortlieb)

Testfahrt 2008 auf dem Neresheimer Klosteracker. (Foto: Hannes Ortlieb)

Zum Abschluss wurde die Maschine 2009 komplett in dem Rotton lackiert, der auch bei den Triebwagen zum Einsatz kommt. Aus Zeitmangel kam es jedoch zu keinem Siegellack, so dass sich der optische Zustand der Maschine in den Folgejahren wieder schnell verschlechterte. Das Zulassungsverfahren wurde 2014 begonnen.

2016 erfolgte abermals ein Neulack, nun mit Versiegelung. Auch frisch mit Warnschraffuren auf den Pufferbohlen versehen, steht die Maschine im Morgenlicht vor dem Neresheimer Lokschuppen. (Foto: Hannes Ortlieb)

Technische Daten

Typ B+B-dh (Herstellerbezeichnung: L 40 B+B)
Baujahr 1954 (Auf dem Fabrikschild ist 1955 angegeben)
Hersteller Arnold Jung Lokomotivfabrik GmbH, Jungenthal
Fabriknummer 12022
Antrieb 2x MWM RHS518A (je 240 PS)
Stationierungen 1954: Neresheim, Probefahrten (2 Wochen)
1956 – 1970: Zement- und Kalkwerk Virkkala, Virkby - Kalkwerk Lohia, Finnland
1972 - 2005: Luzern-Stans-Engelberg-Bahn (LSE), Stansstad, Schweiz [2004 mit SBB-Brünigbahn zur Zentralbahn fusioniert]
2005 an Härtsfeld-Museumsbahn e.V., Neresheim
Länge über Puffer 11.600 mm
Dienstmasse 36 t
Höchstgeschwindigkeit 40 km/h
Bremsbauform Einlösige Druckluftbremse

Bilder der Aufarbeitung

Die Arbeiten von 2005 bis 2007 Reparatur des defekten Motors, Umbau der Zug- und Stossvorrichtungen sowie der Bremsanlage.
Arbeiten im Jahr 2008 - Teil 1 Sanierungsarbeiten der Karosserie.
Arbeiten im Jahr 2008 - Teil 2 Aufarbeitung der elektrischen Anlage und Montagearbeiten durch Auszubildende der Firma Voith.
Arbeiten im Jahr 2009 Weitere Arbeiten, vor allem Fahrgestell und Bremsen.

Schwesterlok Elch

Der "JUMBO" blieb lange Jahre ein Einzelstück, erhielt dann aber zwölf Jahre später doch noch eine Schwesterlok ähnlicher Bauform, die ebenfalls an das Kalkwerk Virkkala in Finnland geliefert wurde. Nach der Stilllegung wechselte sie jedoch innerhalb Finnlands zum Holzverarbeitungsunternehmen Kymi Kymmene. 1980 wurde sie von dort in die Schweiz zur damaligen Furka-Oberalp-Bahn (FO) verkauft und dort als Gm 4/4 71 bezeichnet auf den Spitznamen "Elch" getauft, jedoch ohne das dies an der Lokomotive angeschrieben ist. Für den Einsatz in der Schweiz wurde sie umfassend angepasst und unter anderem mit einer Funkfernsteuerung ausgerüstet. Von Oberwald aus kam sie beim Bau des Furka-Oberalptunnels zum Einsatz, nach dessen Eröffnung 1982 wurde sie allgemein als Bauzuglok vorgehalten. Die FO fusionierte 2003 mit der benachbarten Brig-Visp-Zermatt-Bahn (BVZ) zur Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB). Die Lok erhielt hierbei dann eine kirschrote Farbgebung, nachdem sie zu FO-Zeiten ein für Baufahrzeuge übliches Orange getragen hatte. Im Herbst 2014 wechselte sie unkompliziert zum in Realp jenseits des Furka-Basistunnels ansässigen Verein Dampfbahn Furka-Bergstrecke (DFB). Die Lok unterscheidet sich optisch jedoch etwas vom "JUMBO", wie man auch gut auf der Homepage der Dampfbahn Furka-Bergstrecke (DFB) sehen kann. Dort kommt sie weiterhin im Bauzugdienst zum Einsatz, jedoch nach einem Motorschaden nur noch einmotorig und damit quasi als Gm 2/4. 

Am 23. Februar 2019 stand der "Elch" der DFB in Realp und wartete auf seinen nächsten Einsatz. (Foto: Jürgen Ranger)